„Welche Größe brauchen wir?” ist die häufigste Frage vor jeder Notstrombeschaffung — und die am häufigsten falsch beantwortete. Der klassische Fehler: alle Typenschilder addieren, großzügig aufrunden, fertig. Das Ergebnis ist fast immer ein Aggregat, das entweder beim ersten Motorstart in die Knie geht oder jahrelang teuer überdimensioniert im Schwachlastbetrieb läuft.
Der belastbare Weg führt über fünf Schritte: Verbraucher festlegen, Wirkleistung summieren, in Scheinleistung umrechnen, Anlaufströme und Gleichzeitigkeit einrechnen, Reserve und Betriebsart wählen. Wer diese Reihenfolge einhält, landet bei einer kVA-Klasse, die im Ernstfall trägt — und im Alltag nicht verschwendet.
Schritt 1 — Verbraucherliste: Was muss wirklich laufen?
Nicht das Gebäude wird versorgt, sondern eine Auswahl kritischer Verbraucher. Die Liste beantwortet drei Fragen je Verbraucher: Muss er im Ausfall laufen (Pflicht), sollte er (wichtig), oder darf er warten (Komfort → Lastabwurf)? Schon diese Priorisierung drückt die benötigte Leistung oft deutlich — und sie ist später die Grundlage für die Aufschalt-Reihenfolge.
Schritt 2 — Wirkleistung summieren
Für jeden Pflicht-Verbraucher die Nennleistung in kW erfassen (Typenschild, Datenblatt, bei Bestandsanlagen: Messung). Dazu der Gleichzeitigkeitsfaktor: Läuft wirklich alles gleichzeitig, oder lassen sich Lasten staffeln? Eine gestaffelte Aufschaltung ist der wirksamste Hebel, um eine Klasse kleiner zu bleiben.
Schritt 3 — Von kW zu kVA
Aggregate werden in Scheinleistung (kVA) klassifiziert. Die Umrechnung: kVA = kW ÷ cos φ, mit dem Leistungsfaktor cos φ = 0,8 als üblichem Auslegungswert. Aus 20 kW gleichzeitiger Wirklast werden so 25 kVA Grundbedarf.
Schritt 4 — Anlaufströme: der eigentliche Engpass
Motoren ziehen beim Start ein Vielfaches ihres Nennstroms — und genau daran scheitern zu knapp gewählte Aggregate. Richtwerte:
| Verbrauchertyp | Anlauffaktor (typisch) |
|---|---|
| Drehstrommotor, Direktstart (Pumpen, Lüfter, Kompressoren) | 3–7 × Nennstrom |
| Motor mit Stern-Dreieck-Anlauf | 2–3 × |
| Motor mit Frequenzumrichter / Sanftanlauf | 1–1,5 × |
| Ohmsche Lasten (Heizung, Heizband) | 1 × |
| Beleuchtung LED | ≈ 1 × (kurze Einschaltspitze) |
Gerechnet wird der ungünstigste Moment: Grundlast läuft, und der größte Motor startet zusätzlich. Ältere Antriebe mit Schützsteuerung können dabei kurzzeitig noch höhere Spitzen produzieren — bei Bestandsanlagen lohnt die Messung mit der Lastzange, wie sie auch das Berechnungsbeispiel für Feuerwehrhäuser zeigt.
Schritt 5 — Reserve und Betriebsart
Auf das Ergebnis kommen 15–25 % Reserve für Erweiterungen und Unwägbarkeiten. Dann die Betriebsart festlegen: Für seltene, kurze Ausfälle genügt die ESP-Auslegung; wer mehrtägige Lagen oder 72-Stunden-Szenarien plant, legt nach PRP aus — die Unterschiede erklärt der Beitrag PRP, COP, LTP, ESP nach ISO 8528.
Kernaussage
Zu klein ist offensichtlich schlecht — zu groß aber auch: Ein Dieselaggregat, das dauerhaft unter etwa 30 Prozent Last läuft, versottet und verschleißt vorzeitig. Ziel ist nicht „möglichst viel Reserve”, sondern die kleinste Klasse, die den ungünstigsten Startmoment sicher beherrscht.
Beispielrechnung · kleines Pumpwerk
Zwei Abwasserpumpen à 5,5 kW (Direktstart), Steuerung und Fernwirktechnik 0,5 kW, Beleuchtung und Frostschutz 1,5 kW:
| Position | Rechnung | Ergebnis |
|---|---|---|
| Gleichzeitige Wirklast | 5,5 + 5,5 + 0,5 + 1,5 kW | 13,0 kW |
| Scheinleistung Dauer | 13,0 ÷ 0,8 | 16,3 kVA |
| Ungünstigster Start | Pumpe 2 startet (Faktor ≈ 5) bei laufender Grundlast | kurzzeitige Spitze weit über Dauerlast |
| Gewählte Klasse | Dauerlast + Startspitze + Reserve | ≈ 30 kVA, Betriebsart PRP |
Die Alternative, beide Pumpen zeitversetzt aufzuschalten, würde eine kleinere Klasse erlauben — genau solche Stellschrauben deckt die Auslegung auf.
Wo Faustformeln enden
Tabellen und Faktoren liefern die Größenordnung — die Entscheidung sollte auf gemessenen Werten stehen: reale Anlaufspitzen, tatsächliche Gleichzeitigkeit, Netzqualitätsanforderungen empfindlicher Verbraucher. Genau das leistet die Bedarfsanalyse mit Standortbegehung; die passende Leistungsklasse findet sich anschließend im Katalog der Netzersatzanlagen oder lässt sich im Konfigurator zusammenstellen.
Häufige Fragen
Reicht die Summe aller Typenschilder nicht als Basis?
Als Obergrenze ja, als Auslegung nein: Sie ignoriert Gleichzeitigkeit (zu groß) und Anlaufströme (zu klein) zugleich. Das Ergebnis passt nur zufällig.
Wie viel Reserve ist sinnvoll?
15 bis 25 Prozent auf die ermittelte Spitzenlast haben sich bewährt — genug für Erweiterungen, ohne in den schädlichen Dauerschwachlastbereich zu rutschen.
Was passiert bei deutlicher Überdimensionierung?
Neben unnötigen Anschaffungs- und Betriebskosten vor allem ein technisches Problem: Diesel im dauerhaften Schwachlastbetrieb neigt zu unvollständiger Verbrennung und Ablagerungen. Wer stark überdimensioniert, muss regelmäßige Lastläufe fest einplanen.
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